22. Dezember 2004
Deutsche Oper Berlin

Kurtisanen-Festtage an der Spree - Teil 1

La Traviata an drei Berliner Opernhäusern

Programm

Giuseppe Verdi
La Traviata

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Renato Palumbo
Inszenierung: Götz Friedrich
Bühne: Frank Philipp Schlößmann
Kostüme: Klaus Bruns

Violetta Valérry: Stefania Bonfadelli
Alfredo Germont: Piotr Beczala
Giorgio Germont: Franco Vasallo
Flora Bervoix: Jessica Miller
Annina: Cheri Rose Katz
Gaston: Jörg Schörner
Baron Douphol: Yu Chen
Marquis d'Obigny: Josef Becker
Doktor Grenvil: Piér Dalàs
Giuseppe: Yosep Kang
Ein Bote: Klaus Lang

Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Kurtisanen-Festtage an der Spree - Teil 1

La Traviata an drei Berliner Opernhäusern

Von Heiko Schon / Foto: Bernd Uhlig

"Wo gibt's das sonst?" Mit diesem Werbespruch hat sich die Berliner Opernstiftung ein Eigentor geschossen. Mal abgesehen von neuen Querelen, die die Stiftungsgründung mit sich gebracht hat, ist ein Großteil bisheriger Problematiken noch immer vorhanden. Schon seit längerem gilt das Triblettenrepertoire der drei großen Häuser als Dorn im Auge. Denn dass Giuseppe Verdis La Traviata innerhalb von zwei Monaten in drei verschiedenen Inszenierungen zu sehen ist, das gibt es wohl wirklich nur in Berlin. Umso tragischer, dass auch ein tieferer Einblick zu einem künstlerisch zweifelhaften Ergebnis führt.

La Traviata: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Die Produktion der Deutschen Oper steht exemplarisch für die künstlerische Lethargie, die sich in den letzten Jahren unter der Intendanz Götz Friedrichs ausbreitete. Dass Friedrich den Handlungsstoff nicht umkrempelte, war klar. Dass ihm aber überhaupt nichts zum Drama der Kameliendame einfiel, enttäuscht dann doch. Die Andeutungspunkte Krankheit, Niedergang, Tod kommen mit einem Bett, einigen Totenmasken und dem Zerfall des Hauses Violettas nicht über den Aha-Effekt hinaus. Die Führung seiner Protagonisten ist ähnlich althergebracht: Im ersten wie im zweiten Akt wird viel gelaufen. Den dritten verharrt Violetta im Bett. Szenischer Firlefanz wie der Auftritt der Zigeunerinnen und Matadore im zweiten Akt erinnern an alte Arbeiten von Otto Schenk oder Franco Zeffirelli. Doch kann man bei dieser Besetzung gnädig über die Reißbrett-Regie hinwegsehen: Stefania Bonfadelli ist eine zierliche und hübsche Frau mit kräftigem, höhensicherem Sopran. Die Fiorituren funkelten, das Messa di voce strahlte. Als einzige Violetta setzt sie sich der Tortur aus, die Arie "Sempre Libera" mit einem hohen D gekonnt zu veredeln. Bonfadellis Atemtechnik erlaubt ihr zudem endlos lange Spitzentöne. Darstellerisch lässt sie ihrer weichen Schale freien Lauf, ist ein herzzerreißender Engel, der unter der Doppelmoral und dem zugefügten Leid zusammenbricht. Auch hier gelangen Bonfadelli Momente, die Gänsehaut hervorriefen. Piotr Beczala kommt in der Rolle des Alfredo dem jungen Domingo ziemlich nahe. Sein Tenor ist präsent, energisch und dabei doch sehr elegant. Wie seine Bühnenpartnerin besitzt auch Beczala schier unerschöpfliche Stimmreserven und stemmte mit Bravour seine anspruchsvollen Arien. Konsequent veränderte er sich vom verliebten zum verletzenden Liebhaber. Franco Vassallos entfaltete einen gesanglich voluminösen und kernigen sowie darstellerisch couragierten Giorgio Germont. Abgesehen von der souveränen Cheri Rose Katz (Annina) war das verbleibende Sängerensemble zu glanzlos. Besonders Jessica Miller (Flora) fiel weniger mit Stimme als vielmehr mit affektiertem Spiel auf. Beim Preludio musste man das Schlimmste befürchten, so sehr gingen die luziden Streicherklänge daneben. Doch Renato Palumbo am Orchesterpult der Deutschen Oper überraschte anschließend mit einer stimmigen musikalischen Leitung, bei dem weder die rasanten noch schwermütigen Elemente zu kurz kamen. Besonders der typische Verdi-Stil mit seinem unverkennbaren Temperament gelang Palumbo vortrefflich.

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Wer nun aber denkt, dass es sich bei dieser Triblette um einen Einzelfall handelt, irrt sich gewaltig. Gerade erst hat Daniel Barenboim die dritte Carmen in Berlin begrüßt, da schickt sich im Januar die Komische Oper an, mit Barrie Kosky eine weitere Hochzeit des Figaros zu feiern. Und statt einmal Mozarts Mitridate oder Lucio Silla aufzunehmen, spielt jedes Haus lieber die eigene Zauberflöte. Dabei zeigen die Aufführungen von Lady Macbeth von Mzensk, Die Liebe zu drei Orangen (beides Komische Oper), Die Sache Makropulos (Deutsche Oper) oder Der ferne Klang (Staatsoper) wie gut weniger bekannte Werke vom Publikum angenommen werden, wenn sie nur gut besetzt oder spannend inszeniert sind. Die Generaldirektion der Opernstiftung hat keinen Einfluss auf die künstlerische Linie der einzelnen Häuser und dabei sollte es bleiben. Ob jedoch ohne weiteres das Konkurrenzdenken aufhört? Ob die Spielplanabstimmung sinnvoller koordiniert wird? Gerade wurde Michael Schindhelm zum obersten Chef der Stiftung ernannt. Nachdem diese vor fast einem Jahr auf den Weg gebracht wurde, geriet die Besetzung des Postens zuletzt mehr und mehr zur peinlichen Farce. Auch ein Kapitel von Kulturpolitik, die es sonst nirgendwo gibt.



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