6. Dezember 2004
Komische Oper Berlin

Kurtisanen-Festtage an der Spree - Teil 3

La Traviata an drei Berliner Opernhäusern

Programm

Giuseppe Verdi
La Traviata

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Inszenierung: Harry Kupfer
Bühne: Hans Schavernoch
Kostüme: Reinhard Heinrich

Violetta Valérry: Noëmi Nadelmann
Alfredo Germont: Marc Heller
Giorgio Germont: Anton Keremidtchiev
Flora Bervoix: Christiane Oertel
Annina: Barbara Sternberger
Gaston: Finnur Bjarnason
Baron Douphol: Christian Tschelebiew
Marquis d'Obigny: Klemens Slowioczek
Doktor Grenvil: Carsten Sabrowski
Joseph: Werner Enders
Diener Floras / Ein Kommissionär: Hans-Jörg Bertram

Chor der Komischen Oper Berlin
Orchester der Komischen Oper Berlin

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Kurtisanen-Festtage an der Spree - Teil 3

La Traviata an drei Berliner Opernhäusern

Von Heiko Schon / Foto: Arwid Lagenpusch

"Wo gibt's das sonst?" Mit diesem Werbespruch hat sich die Berliner Opernstiftung ein Eigentor geschossen. Mal abgesehen von neuen Querelen, die die Stiftungsgründung mit sich gebracht hat, ist ein Großteil bisheriger Problematiken noch immer vorhanden. Schon seit längerem gilt das Triblettenrepertoire der drei großen Häuser als Dorn im Auge. Denn dass Giuseppe Verdis La Traviata innerhalb von zwei Monaten in drei verschiedenen Inszenierungen zu sehen ist, das gibt es wohl wirklich nur in Berlin. Umso tragischer, dass auch ein tieferer Einblick zu einem künstlerisch zweifelhaften Ergebnis führt.

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Kurtisanen-Festtage an der Spree - Teil 1


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Kurtisanen-Festtage an der Spree - Teil 2

La Traviata: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Die einzig ergreifende Inszenierung ist dem ehemaligen Chefregisseur der Komischen Oper gelungen. Auch Harry Kupfers Violetta steht am Anfang wie am Ende auf der Straße, entsteigt und fällt in Einsamkeit. Für die Bühne hat Hans Schavernoch eine Schräge mit Schwenktüren auf die Drehbühne gestellt - ein schlichter wie ebenso genialer Einfall. Mit den darauf rückseitig angebrachten Spiegeln werden so die Bezugspunkte zu Scheinwelt, Oberflächlichkeit und Kälte geschaffen. Die Szenenbilder als solches sind schlicht, die Kostüme - bis auf die scheußlich ausstaffierten Chordamen - alltäglich. Kupfer schafft es allein mit seiner Personenführung, das Schicksal der Kurtisane nahe zu bringen. Dazu verzichtet er auf eine Umdeutung der Handlung, formt selbst Nebencharaktere (wie beispielsweise Annina als geldgeile Haushälterin) aus und setzt auf einen ungestüm-dramatischen Dialog. Eine Erlösung oder Versöhnung verweigert er Violetta. Sie stirbt den grausamen Tod allein, nur im Fieberwahn gibt es ein Wiedersehen mit Alfredo und Giorgio. Mit Noëmi Nadelmann steht eine Singschauspielerin ersten Ranges auf der Bühne. Durch eine scharfe und zügellose Interpretation sowie dem rücksichtslosen Einsatz ihrer Stimme macht sich Nadelmann die Rolle auf sehr intensive Art zu eigen, formt ein Wesen aus Fleisch und Blut. Man bekam eine Ahnung davon, wie viel Konzentration und Einfühlungsvermögen hinter so einer Leistung steckt, als sich Noëmi Nadelmann erschöpft ihren Schlussapplaus abholte und die Seele Violettas bereits abgelegt hatte. Dagegen kam keiner an: Nicht Anton Keremidtchiev als kräftig, makellos und deutlich singender Vater Germont und schon gar nicht Marc Heller, der den Alfredo als braven Schwiegermuttertraum mit eintöniger Stimmfarbe präsentiert. Kirill Petrenkos Zugriff erweist sich ebenso packend. Unter seinem Dirigat kostete das Orchester der Komischen Oper alle Farbnuancen von Verdis Musik genießerisch aus. Selten hat man die Ouvertüre der Oper so melancholisch gehört, das Trinklied so enthusiastisch, das Finale vom zweiten Akt so bestürzend. Abschließend bemerkt, bot auch der Chor in schauspielerischer wie gesanglicher Hinsicht eine Glanzvorstellung.

Wer nun aber denkt, dass es sich bei dieser Triblette um einen Einzelfall handelt, irrt sich gewaltig. Gerade erst hat Daniel Barenboim die dritte Carmen in Berlin begrüßt, da schickt sich im Januar die Komische Oper an, mit Barrie Kosky eine weitere Hochzeit des Figaros zu feiern. Und statt einmal Mozarts Mitridate oder Lucio Silla aufzunehmen, spielt jedes Haus lieber die eigene Zauberflöte. Dabei zeigen die Aufführungen von Lady Macbeth von Mzensk, Die Liebe zu drei Orangen (beides Komische Oper), Die Sache Makropulos (Deutsche Oper) oder Der ferne Klang (Staatsoper) wie gut weniger bekannte Werke vom Publikum angenommen werden, wenn sie nur gut besetzt oder spannend inszeniert sind. Die Generaldirektion der Opernstiftung hat keinen Einfluss auf die künstlerische Linie der einzelnen Häuser und dabei sollte es bleiben. Ob jedoch ohne weiteres das Konkurrenzdenken aufhört? Ob die Spielplanabstimmung sinnvoller koordiniert wird? Gerade wurde Michael Schindhelm zum obersten Chef der Stiftung ernannt. Nachdem diese vor fast einem Jahr auf den Weg gebracht wurde, geriet die Besetzung des Postens zuletzt mehr und mehr zur peinlichen Farce. Auch ein Kapitel von Kulturpolitik, die es sonst nirgendwo gibt.



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