28. Oktober 2004
Staatsoper Unter den Linden

Kurtisanen-Festtage an der Spree - Teil 2

La Traviata an drei Berliner Opernhäusern

Programm

Giuseppe Verdi
La Traviata

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Dan Ettinger
Inszenierung: Peter Mussbach
Bühne: Erich Wonder
Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer
Licht: Franz Peter David
Video: Stefan Runge, Anna Henckel-Donnersmarck

Violetta Valérry: Anna Samuil
Alfredo Germont: Charles Castronovo
Giorgio Germont: Alexander Marco-Buhrmester
Flora Bervoix: Caitlin Hulcup
Annina: Simone Schröder
Gaston: Pavol Breslik
Baron Douphol: Bernd Zettisch
Marquis d'Obigny: Gerd Wolf
Doktor Grenvil: Yi Yang
Giuseppe: Friedemann Hecht
Ein Diener Floras: Bernd Grabowski

Chor der Staatsoper Unter den Linden
Staatskapelle Berlin

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Kurtisanen-Festtage an der Spree - Teil 2

La Traviata an drei Berliner Opernhäusern

Von Heiko Schon

"Wo gibt's das sonst?" Mit diesem Werbespruch hat sich die Berliner Opernstiftung ein Eigentor geschossen. Mal abgesehen von neuen Querelen, die die Stiftungsgründung mit sich gebracht hat, ist ein Großteil bisheriger Problematiken noch immer vorhanden. Schon seit längerem gilt das Triblettenrepertoire der drei großen Häuser als Dorn im Auge. Denn dass Giuseppe Verdis La Traviata innerhalb von zwei Monaten in drei verschiedenen Inszenierungen zu sehen ist, das gibt es wohl wirklich nur in Berlin. Umso tragischer, dass auch ein tieferer Einblick zu einem künstlerisch zweifelhaften Ergebnis führt.

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Regisseur Peter Mussbach hat in seiner Inszenierung an der Staatsoper mit viel mehr Mut zum Risiko den Karren an die Wand gefahren. Seine Violetta ist wortwörtlich vom Wege, sprich der Fahrbahn, abgekommen, befindet sich auf der Straße ihres Bühnenlebens und lässt gewissermaßen im Moment des Sterbens die eigene Geschichte Revue passieren. Zwischen Vorderdecke und Orchestergraben ist ein riesiger Gaze-Vorhang gespannt, auf der imaginärer Regen auf die Fahrbahn tropft. Die Lichter der Großstadt zucken auf; Violetta steht einsam auf dem Asphalt. Doch der interessante Ansatz in psychedelischer Optik entpuppt sich rasch als banaler Edeltrash. Mag auch diese Auslegung zur Substanz des Kurtisanendramas passen, so wirkt die Idee derart plattgewalzt, dass sie keine zwei Stunden Spieldauer trägt. Auch Mussbachs Personenführung ist durchgängig einfallslos: Violetta sinkt etwa ein Dutzend Mal zu Boden; alle anderen Akteure bewegen sich ihr zu oder ab. Der dritte Akt wird an der Rampe buchstäblich ausgesessen. Eine virtuose Sopranistin hätte etwas Glanz auf die regennasse Bühne zaubern können. Doch Anna Samuil war in zweierlei Hinsicht fehlbesetzt. Stimmlich legt sie die Rolle als (zu) leichtes Mädchen an, gluckst, kiekst und trällert sich durch die Partie, als ob Adele aus der Fledermaus vorbeischaut und gerät auch bei den Höhen arg ins Schlingern. Zweites Hindernis ist eine stampfende, undamenhafte Bewegung auf der Bühne. Das zart-gebrechliche Frauenzimmer, die leidende Edelkurtisane nimmt man Samuil keine Sekunde ab. Ebenfalls ist die Rolle des Alfredos eine Nummer zu groß für Charles Castronovo. Zu farblos die mittlere Stimmelage, zu ausdruckslos sein Spiel, um als handelnde Figur richtig wahrgenommen zu werden. Alexander Marco-Buhrmester (Giorgio Germont) versuchte gesanglich seinen stiefmütterlich ausgelegten Charakter auszugleichen. Doch er konnte diesen zähen, schwer zu ertragenden Abend nicht retten. Und auch die Staatskapelle unter Dan Ettinger war nicht in ihrem Element. Ettinger setzte sehr gedehnte Tempi, brachte die Bläser sehr kräftig in den Vordergrund und entblätterte so ein zerfasertes und sprödes Klangbild. Die leisen Passagen plänkelten dahin; bei den lauten Schlussakkorden wurde dagegen ordentlich Krach geschlagen. So löste sich Verdis prächtige Partitur Stück für Stück in Belanglosigkeiten auf. Das mag aber auch daran liegen, dass sich Ettinger derzeit ordentlich verheizen lässt. Ganze acht verschiedene Werke dirigiert er in dieser Spielzeit am Haus Unter den Linden und ist damit meistbeschäftigter Dirigent der Berliner Opernsaison.

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Wer nun aber denkt, dass es sich bei dieser Triblette um einen Einzelfall handelt, irrt sich gewaltig. Gerade erst hat Daniel Barenboim die dritte Carmen in Berlin begrüßt, da schickt sich im Januar die Komische Oper an, mit Barrie Kosky eine weitere Hochzeit des Figaros zu feiern. Und statt einmal Mozarts Mitridate oder Lucio Silla aufzunehmen, spielt jedes Haus lieber die eigene Zauberflöte. Dabei zeigen die Aufführungen von Lady Macbeth von Mzensk, Die Liebe zu drei Orangen (beides Komische Oper), Die Sache Makropulos (Deutsche Oper) oder Der ferne Klang (Staatsoper) wie gut weniger bekannte Werke vom Publikum angenommen werden, wenn sie nur gut besetzt oder spannend inszeniert sind. Die Generaldirektion der Opernstiftung hat keinen Einfluss auf die künstlerische Linie der einzelnen Häuser und dabei sollte es bleiben. Ob jedoch ohne weiteres das Konkurrenzdenken aufhört? Ob die Spielplanabstimmung sinnvoller koordiniert wird? Gerade wurde Michael Schindhelm zum obersten Chef der Stiftung ernannt. Nachdem diese vor fast einem Jahr auf den Weg gebracht wurde, geriet die Besetzung des Postens zuletzt mehr und mehr zur peinlichen Farce. Auch ein Kapitel von Kulturpolitik, die es sonst nirgendwo gibt.



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