17. September 2005
Philharmonie

Ein paar Todesarten

Schostakowitsch mit den Philharmonikern

Programm

Dimitri Schostakowitsch
Violinkonzert Nr. 1 a-Moll op. 77
Symphonie Nr. 14 op. 135

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
Simon Rattle - Dirigent
Karita Mattila - Sopran
Thomas Quasthoff - Bariton
Sarah Chang- Violine

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Ein paar Todesarten

Schostakowitsch mit den Philharmonikern

Von Fabienne Krause

Eines der zentralen Themen im Leben eines Menschen ist wohl die Beschäftigung mit dem Tod. Da die Kunst unter anderem großen Anteil an Verarbeitungsprozessen des Menschen hat, wird auch in ihr der Tod immer eine große Rolle spielen. Je nachdem, welcher Künstler bzw. Komponist sich mit ihm auseinandersetzt, bekommt der Tod ein anderes Antlitz.

In seiner Symphonie Nr. 14 zeigt uns Schostakowitsch gleich mehrere Gesichter des Todes, denn er vertonte elf Gedichte von Federico García Lorca, Guillaume Apollinaire, Wilhelm Küchelbeker und Rainer Maria Rilke. Aus diesen spricht allerdings genauso wenig Erlösung im Jenseits, wie der Musik Schostakowitschs zu entnehmen ist, die in melodischer Zwölftontechnik durchgehend düster, traumatisch und unheimlich klingt.

Ist vielleicht auch der Grund, warum Sir Simon Rattle gerade diese Komposition am 17.09. zur Aufführung brachte, dass sich die dortige Auffassung des Todes eher mit der heutigen deckt, als z.B. die religiöse Verklärung eines Chorals? Rattles Interpretation mit einem kleinen intimen Kreis der Berliner Philharmoniker ließ keine Trauer oder Hoffnung durchscheinen, sondern wirkte sehr zurückgenommen, ja fast betäubt. Der Gesang von Thomas Quasthoff und Karita Mattila war dafür etwas dramatischer. Stimmlich war es von beiden sicherlich eine glanzvolle Leistung, die allerdings durch die Unversiertheit in der russischen Sprache vor allem bei Thomas Quasthoff stark geschmälert wurde. Wie er selbst in einem Interview mit Andreas Láng (Redakteur der Wiener Staatsoper) zugab, war ein russischer Schüler entsetzt darüber, dass man ihm so eine fehlerhafte Aussprache beigebracht hatte. Die Aufführung in Originalsprache war also in diesem Fall kein Zugewinn. Ein Nachempfinden der Todeslyrik seitens des Publikums und der Sänger war kaum möglich.

Sarah Chang

Dafür traf Sarah Chang, zu Recht gefeiert als Star der neuen Generation, mit Schostakowitschs 1. Violinkonzert a-Moll voll ins Schwarze. Verlieh sie zunächst im ersten Satz dem Adagio eine melancholisch verhaltene Geigenstimme, wurde spätestens im technisch höchst anspruchsvollen zweiten Satz klar, wie höllisch gut sie spielt. Höllisch ist dabei gar nicht weit hergeholt, denn sie verlieh dem grotesken Scherzo mit einem unaufhaltsamen, kratzig-krächzendem Bogenstrich eine dämonische Aura. Wirklich erstaunlich, wie man durch Aufzeigen tiefer Abgründe die Leute beglücken kann.



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