29. Mai 2005
Deutsche Oper Berlin

Wagner im Museum

Der fliegende Holländer an der Deutschen Oper

Programm

Richard Wagner
Der fliegende Holländer

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Graeme Jenkins
Inszenierung: Götz Friedrich
Bühne, Kostüme: Gottfried Pilz, Isabel Ines Glathar
Chöre: Ulrich Paetzholdt

Daland: Reinhard Hagen
Senta: Eva Johansson
Erik: Stuart Skelton
Mary: Claire Powell
Steuermann: Walter Pauritsch
Der Holländer: Franz Grundheber

Chor & Orchester der Deutschen Oper Berlin

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Wagner im Museum

Der fliegende Holländer an der Deutschen Oper

Von Heiko Schon

Augen zu und durch. Und die Ohren nicht vergessen. Denn wer derzeit mit offenen Sinnen die künstlerische Arbeit der DOB auf sich wirken lässt, verzweifelt. Verzweifelt daran, wie desaströs romantische Oper klingen kann und wie herzlos-routiniert Repertoire gezeigt wird.

Der fliegende Holländer: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Wie deutlich der Niedergang des Orchesters in der Sparte Wagner ist, zeigte sich bereits bei der einzigen Aufführung des Ring des Nibelungen: In der Götterdämmerung musste sich Dirigent Jun Märkl Buhsalven und das Orchester Zwischenrufe wie "Geht nach Hause - üben" gefallen lassen. Kann man solche Katastrophen bei einer Konkurrenz der Klangkörper, wie es sie in dieser Stadt gibt, einfach folgenlos übergehen? Nun, man kann.

Schon die Ouvertüre brachte erste wacklige Einsätze und unsaubere Bläser zum Vorschein. Graeme Jenkins versuchte davon, mit gehörig Lautstärke abzulenken. Die präzise Rhythmik, die harmonische Kühnheit der Holländer-Partitur ging dabei vollkommen unter. Wagners Noten ergossen sich wie unflexibler Brei ins Parkett, regelrechte Lustlosigkeit schien sich im Graben breit gemacht zu haben. Es ist sicher nicht verkehrt, dass die nächste Wagner-Oper erst Ende März 2006 erklingen wird.

Die pauschale Wiedergabe des Orchesters übertrug sich auch auf einige Solisten. Eva Johansson verkörperte ihre Partie mit übertriebener Gestik und zurückhaltender Stimmkraft. Da wurden Augen gerollt und theatralische Handbewegungen gemacht. Zum Schluss ihrer Ballade und im Finale zeigte Johansson zu welch glühenden Tönen sie fähig ist. Davor und dazwischen stand ihr Sopran leider nur auf kleiner Flamme. Das ist zu wenig, um aus der Senta einen interessanten Charakter zu formen. Das gleiche Schicksal erlitt der Daland von Reinhard Hagen. Er sah in seinem grauen Mantel aus wie ein Sack Zement - und so sang er dann auch. Der Steuermann spielt nur eine unterordnete Rolle. Doch seine Arie "Mit Gewitter und Sturm" verlangt nach einem gesunden Tenor. Den konnte Walter Pauritsch leider nicht aufbieten. Die Mary von Claire Powell wurde kaum bemerkt. Stimmlich phänomenal dagegen: der Erik von Stuart Skelton. Dennoch blieben sie alle Charaktere vom Reißbrett, denen man ansah, dass sie nur "gespielt" wurden. Alle - bis auf einen. Franz Grundheber sprengt in seiner Intensität den Rahmen der Rolle. Als sein Auftritt nahte, er, der Verfluchte, eingeschnürt in rote Stricke, ergriff Grundheber Besitz und Anteilnahme. Er gestaltete "Die Frist ist um" nicht als diabolisches Kraftstück, sondern als den eigenen Abgesang: Sein Holländer ist ein gebrochener Mann, innerlich ausgebrannt, der es satt hat, auf den Meeren zu segeln, um alle sieben Jahre nach seinem "Heil" an Land zu suchen. Seinem immer noch kernigen und leicht knorrigen Bassbariton gelang dazu die stimmliche Umsetzung bewegend, textdeutlich, sonor. Ergreifende Titelpartie.

Der fliegende Holländer: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Der Chor - man muss es so sagen - war ein einziger Sauhaufen. Nicht synchron, nicht klangschön, nicht koordiniert. Deutlich war dies bei "Steuermann, lass die Wacht" zu hören. Da lief mit dem Orchester alles auseinander; das Brüllen der Passagen und das Schwenken von Bierflaschen ließ die Szene zum Besuch im Brauhaus werden. Die Charlottenburger Oma freute sich trotzdem.

Es ist der Inszenierung von Götz Friedrich nicht abzusprechen, dass diese Auslegung reizvoll und überzeugend ist: Zu Beginn tuckert der Bunker des Holländers über die Bühne. "Exodus 1947" steht darauf. Damit bezieht sich Friedrich auf den Konflikt nach dem 2. Weltkrieg, als die Briten ein Schiff jüdischer Einwanderer stoppen wollten, welches nach Palästina unterwegs war. Der Holländer, seine Mannschaft und alle sonstigen Insassen sind also heimatlose Juden, die von Senta schließlich erlöst werden. Dieser Stoff hat noch immer hochaktuelle Brisanz. Allein was hilft es, wenn die Bühne präsentiert wird, als sei die Ausstattung aus dem Mittelalter. Die Kulissen abgewetzt, die Vorhänge verschlissen, alles getreu dem Motto: Hauptsache, der Lappen geht hoch! Doch sind es gerade die Opern im Repertoire-Betrieb, die der besonderen Pflege bedürfen. Auch eine 8 Jahre alte Inszenierung hat Anspruch darauf, behandelt zu werden, wie ein Stück aus der Premierenstaffel.



©www.klassik-in-berlin.de