9 März 2006
Philharmonie

Mitleiden leicht gemacht

Sir Simon Rattle und der RIAS Kammerchor berühren mit Bachs Johannespassion

Programm

Johann Sebastian Bach
Johannes-Passion BWV 245

Mitwirkende

Berliner Philharmoniker
RIAS Kammerchor
Simon Rattle - Dirigent
Susan Gritton - Sopran
Michael Chance - Altus
Mark Padmore - Tenor
Toby Spence - Tenor
Thomas Quasthoff - Bariton
Daniel Reuss - Choreinstudierung

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Mitleiden leicht gemacht

Sir Simon Rattle und der RIAS Kammerchor berühren mit Bachs Johannespassion

Von Fabienne Krause / Foto: Carole Latimer

Am 09.03. konnte sich das Berliner Publikum in der Philharmonie schon mal auf das bevorstehende Osterfest einstimmen. So wie der Winter sich hartnäckig zu halten scheint und der mit Ostern einhergehende Frühling noch nicht in Sicht ist, mussten sie aber zunächst den langen Leidensweg Jesu Christi in der Johannespassion von Johann Sebastian Bach mitgehen. Dieses war zu Zeiten Bachs ja auch so intendiert, denn hier hatte sich schon der Wandel der Passion als Lehrstück hin zur Darstellung des Leidens im Sinne eines Mitleidens vollzogen. Das Passionsgeschehen sollte sicht- und hörbar gemacht werden, was Sir Simon Rattle mit seinen Berliner Philharmonikern und dem RIAS Kammerchor (Einstudierung: Daniel Reuss) an diesem Abend beeindruckend gelang. Man hatte auch auf eine Pause zwischen den beiden Teilen der Passion verzichtet, um diesem Mitleiden keinen künstlichen Abbruch zu geben.

Mark Padmore (Photo: Marco Borrgreve)

Schon die ersten Takte des Eingangschors ließen vermuten, dass es sich bei diesem Werk im Vergleich mit der Matthäuspassion um das dramatischere, kühnere handelt. Die Oboen bekreuzigen sich schonungslos dissonant mit der kleinen Sekunde d-es' über den unaufhaltsamen 16teln der Streicher und dem gleich einem Uhrwerk gehenden Continuo. Der Lauf der Leidensgeschichte wird angekündigt und ist nicht mehr aufzuhalten, mündet in den ausgiebig dargestellten Gerichtsszenen. Der Evangelist muss in den Secco-Rezitativen ohne Unterlass von dem Unglaublichen berichten. An diesem Abend war aber nicht nur der Inhalt sondern auch der Gesang von Mark Padmore als Evangelist unglaublich. Seine Partien zeugten von perfekter Klarheit der Stimme und Intonation, die zudem anrührend schlicht blieb und an auskomponierten Stellen wie der Petrus-Klage ("und weinete bitterlich") oder der Geißelung Jesu ("und geißelte ihn") das Mitleiden deutlich spürbar machte. Ebenso hielten die Philharmoniker und der RIAS Kammerchor die Balance zwischen feinfühliger Zurückhaltung und dramatischem Auskosten. Der Chor peitschte ohne zu übersteigen durch die aufhetzenden Chorstellen (z.B. "Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!") und wurde so der Komposition und dem Text gerecht. Auch die eher besinnlichen oder gar von tiefer Trauer durchzogenen Chorstücke blieben unverkitscht schlicht, so dass allein die Musik ihre Wirkung entfalten konnte.

Thomas Quasthoff fühlte sich offenbar bei der Johannespassion viel wohler als bei der vorherigen Zusammenarbeit mit Rattle (Schostakowitsch, Symphonie Nr. 14). Durch seine düster-intensiven Partien als Jesus, Petrus und Pilatus gewann die Aufführung an faszinierendem Facettenreichtum. Weniger auffällig blieben die Stimmen von Susan Gritton (Sopran) und Toby Spence (Tenor), hatten sie es doch bei solch hochkarätiger Gesangsbesetzung schwer. Das einzige Fragezeichen an diesem Abend blieb über den Partien von Michael Chance (Altus) stehen. Sein Gesang wollte sich nicht recht in die schlichte Gesamtatmosphäre des Abends einfügen und wirkte doch befremdlich überzogen.



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