16. März 2007
Hans Otto Theater Potsdam

Ein Kessel Tuntes

Die Fledermaus in Potsdam

Programm

Johann Strauß (Sohn)
Die Fledermaus


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Mitwirkende

Musikalische Leitung: Igor Budinstein
Regie: Adriana Altaras
Bühne und Kostüme: Yashi Tabassomi
Choreographie: Marita Erxleben
Chöre: Ud Joffe

Gabriel von Eisenstein: Uwe Eric Laufenberg
Rosalinde: Dagmar Manzel
Gefängnisdirektor Frank: Helmut G. Fritzsch
Prinz Orlofsky: Philipp Mauritz
Alfred: John Heuzenroeder
Dr. Falke: Robert Putzinger
Dr. Blind: Klaus Uhlemann
Adele: Katrina Krumpane
Ida: Nadine Schori
Iwan: Jewgeij Gratsch
Frosch: Jockel Tschiersch

Neuer Kammerchor Potsdam
Mitglieder des Ballettstudios Erxleben
Brandenburger Symphoniker

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Ein Kessel Tuntes

Die Fledermaus in Potsdam

Von Heiko Schon

Hans Otto Theater: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

Uwe Eric Laufenberg hat bislang alles richtig gemacht. Da eröffnet im letzten September nach exakt zwei Jahren Bauzeit das neue Hans Otto Theater in Potsdam und das mediale Echo ist dank des flotten Gebäudes mit schalenförmiger Dachkonstruktion von Architekt Gottfried Böhm derart groß, dass nicht nur die Brandenburger in Scharen strömen. Es hagelt glänzende Besucherzahlen, in denen der Intendant sich und seine Politik bestätigt sieht. Laufenberg kommt nämlich als Regisseur und Schauspieler aus großen Häusern (Liceu / Barcelona, Semperoper / Dresden) und weiß genau, dass man in der Nähe zur Bundeshauptstadt kein reines Provinztheater anbieten sollte. Stars und Namen müssen ran, damit die Auslastung stimmt. Und so sind an der Schiffbauergasse schon Koryphäen wie Katja Riemann, Désirée Nick und Katharina Thalbach aufgetreten. Daneben gibt es aber auch Stücke, die sowieso immer an der Kasse funktionieren. Dazu zählt eindeutig die unverwüstliche Fledermaus. Laufenberg stellte also die Brandenburger Symphoniker in den Graben, verpflichtete Adriana Altaras für die Inszenierung, Dagmar Manzel als Rosalinde, sich selbst als Eisenstein und - et voilà - der Spaß kann beginnen.

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Zur Ouvertüre organisiert Dr. Falke schon fleißig seine Rache, schreibt Einladungen und lüpft den Vorhang, um die außerehelichen Aktivitäten im Hause Eisenstein sichtbar zu machen. Als Einstieg funktioniert das wunderbar, genauso wie die Slapstick-Personenführung, die gehöriges Tempo vorgibt. Alfred (schmachtvoll: John Heuzenroeder) muss im Schrank oder unterm Bett versteckt werden, man zieht sich an, um oder schnell wieder aus. Als selbstironisches Zwinkern gibt Laufenberg gleich zu, dass sein Eisenstein kein Tenor ist. Im Rahmen eines singenden Schauspielers verteilte er aber die Gewichte anders, was im Ergebnis absolut zufrieden stimmte. Gefängnisdirektor Frank mochte man auf den ersten Blick zum alten Eisen zählen: Helmut G. Fritzsch glich seine hölzerne Stimme aber mit beherztem Spiel aus. Im Übergang zum 2. Akt trudeln die Partygäste auf Orlofskys Fummelball ein: Butterfly nickt Fröschen zu, Carmencita tanzt mit Schweinchen und Manon hält Smalltalk mit Papst und Nonne. Als sich dann der rosa Plüschvorhang hebt, wird man das Gefühl nicht los, man starre in eine Schachtel Billigpralinen: Kunterbunt ist's, neonfarben ausgeleuchtet, dazu der Kronleuchter aus dem ersten Akt, der jetzt allerdings Kopf steht. Türen und Säulen wackeln wie ein Hundeschwanz, Rosalinde sieht als ungarische Gräfin wie eine Transe aus, Philipp Mauritz gibt als Orlofsky tapfer die Knallcharge - wenn das kein Mut zum Trash ist. Die Tanzeinlage zur Tritsch Tratsch Polka mutet an, als ob das MDR-Fernsehballett seinen Nachwuchs präsentiert. Aber ernsthaft: Wen sollte das jucken? Man hopst auf seinem Stuhl herum, schlägt sich die Schenkel wund und kichert sich kringelig. Die heitere Muse nimmt man beim Wort, auch wenn es sicherlich nicht immer so beabsichtigt war.

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Zum dritten Akt wird der Kronleuchter dann einfach umgehauen, davor ein Gitter runtergelassen und fertig ist das Gefängnis. Jockel Tschiersch machte seine Kabarettnummer gar nicht mal schlecht und streute Schnipsel über Wolf Biermann, die Stasi und Herrn Joop ein. Von einem richtigen Frosch ist allerdings auch er meilenweit entfernt, was unter anderem daran liegen kann, dass er statt Sliwowitz lieber zu Amaretto (!) greift. Direktor Frank kommt zum Dienst, begrüßt Ida und Adele. Katrina Krumpane, die sich im Marquis-Couplet noch um einige Höhen mogelte, tauchte als Unschuld vom Lande ihre beste Nummer in taufrische Soprantöne. Eisenstein, Dr. Blind und Rosalinde erscheinen nacheinander, der Schwindel fliegt auf, Dr. Falke hat seine Rache und der Champagner - sowieso - alles verschuldet. Dagmar Manzel gehört an dieser Stelle erneut über den grünen Klee gelobt. Überbordend komisch stöckelt sie bis an den Rand der Persiflage durch ihre Rolle, trillert, gurrt, schnaubt, und säuselt, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätte und mischt viel Eigenheiten ihrer Rosalinde bei, wenn sie etwa vom Gähnen oder dem Auskratzen der Augen singt. Ein lustiger, schnittiger Unterhaltungsdampfer hat am Tiefen See Potsdams angelegt.

Der Artikel zu dieser Neuproduktion ist der Start einer Berichterstattung zu den Inszenierungen großer Regisseure, die sich dem Klassiker von Johann Strauß angenommen haben oder dies noch tun werden. Klassik-in-Berlin wird über die Erarbeitungen von Michael Thalheimer (Deutsches Theater), Harry Kupfer und Andreas Homoki (beides Komische Oper) informieren, die verschiedenen Sichtweisen zu ein- und demselben Stück aufzeigen und offenbaren, wie viel frisches Blut durch die totgesagte Gattung Operette fließt.



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