25. November 2007
Komische Oper Berlin

Lukulls Schattenreich im Faschingstrubel

Katja Czellnik inszeniert Paul Dessaus Oper an der Komischen Oper

Programm

Paul Dessau
Die Verurteilung des Lukullus

Mitwirkende

Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Eberhard Kloke
Inszenierung: Katja Czellnik
Kostüme: Sebastian Figal, Nicole Riegel
Bühnenbild: Hartmut Meyer
Chöre: Robert Heimann
Kinderchor: Christoph Rosiny
Lichtgestaltung: Franck Evin

Lukullus / Lasus: Kor-Jan Dusseljee
Der König: Hans-Peter Scheidegger
Die Königin: Erika Roos
Zwei Kinder: Kinderchor
Der Kirschbaumträger: Chorsolist
Das Fischweib / Tertullia: Gabriela-Maria Schmeide
Die Kurtisane: Christiane Oertel
Der Lehrer: Christoph Späth
Der Bäcker: Peter Renz
Der Bauer: Chorsolist
Totenrichter: Jens Larsen
Sprecher: Markus John
1. Frauenstimme: Karen Rettinghaus
2. Frauenstimme: Miriam Meyer
3. Frauenstimme: Karolina Andersson

Chor, Kinderchor und Orchester der Komischen Oper Berlin

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Lukulls Schattenreich im Faschingstrubel

Katja Czellnik inszeniert Paul Dessaus Oper an der Komischen Oper

Von Axel Göritz / Fotos: Thomas Aurin

Die Verurteilung des Lukullus: zum Vergrößern klicken / click to enlarge

In Deutschlands Osten gehörte Paul Dessaus Oper Die Verurteilung des Lukullus zum Pflichtkanon des Musikunterrichts an den Schulen, im Westen dagegen fast unbekannt - verbindet man mit Lukullus eher einen gourmethaften, sinnlichen Lebensgenuss. Doch auch in der DDR konnte sich das Werk, mit dem Libretto von Bert Brecht, erst langsam durchsetzen. Der Uraufführung im Oktober 1951 an der Berliner Staatsoper gingen mehrere vom Zentralkomitee geforderte Änderungen voraus, der Lukullus geriet in den Brennpunkt der sogenannten "Formalismus-Debatte", der ersten großen Diskussion über den sozialistischen Realismus in der Kunst der DDR. Dem Schönberg Schüler Dessau wurde vorgeworfen, seine Musik sei "volksfremd und formalistisch", erzeuge eine "Verwirrung des Geschmacks" und könne somit "nicht zur Hebung des Bewusstseins der Werktätigen" beitragen. Diese Einschätzung änderte sich nach 1960, Paul Dessau wurde mit zahlreichen staatlichen Auszeichnungen versehen, gleichwohl allerdings von offizieller Seite immer wieder attackiert und übergangen. Die Haltung der DDR zu ihm war damit genauso zwiespältig wie seine Einstellung zum SED-Regime und seine Kompositionen, die zwischen appellativer Gebrauchsmusik mit tagespolitisch inspirierten Liedern und autonomer "moderner" Musik unter Verwendung der Zwölftontechnik schwanken.

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Nun also erstmals in der Komischen Oper die Geschichte vom (realen) römischen Feldherrn und Politiker Lukullus, der sich nach seinem triumphalen Staatsbegräbnis im Schattenreich für sein Leben, seine angeblichen Heldentaten und Feldzüge verantworten muss. Doch dort ist er plötzlich allein, niemand steht ihm bei, er versteht die Welt nicht mehr, da er doch "den Osten erobert und sieben Könige gestürzt" hat. Ein Gericht aus Totenrichter und Schöffen, die einst Bauer, Lehrer, Bäcker, Fischweib und Kurtisane waren, fordert Rechenschaft. Seine Opfer werden in den Zeugenstand gerufen - und stellen sich im Verhör als keineswegs bessere Menschen heraus. Der besiegte König hat sein ausgebeutetes Volk verantwortungslos im Stich gelassen, das Fischweib fühlt sich mitschuldig, weil es den gefallenen Sohn in den Krieg ziehen ließ. Die Situation scheint zugunsten von Lukullus zu kippen. Doch als die Einführung des Kirschbaumes aus Asien als Lukullus' bedeutendste Tat angeführt wird, sind die Schöffen empört - "80.000 Menschen für einen Kirschbaum" - und das einstimmige Urteil lautet somit "ins Nichts mit ihm".

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Vor dieser denn doch sehr lehrstückhaften Parabel ist die Inszenierung von Katja Czellnik in ein umtriebiges, fast comedy-haftes Show-Gewusel ausgewichen. Auf der Bühne ist ein sehr irdisches, von Silberfolie überdecktes Schattenreich zu besichtigen, in dem auch rote Faschingsnasen und farbenfrohe Perücken ihren Platz haben. Hier wird geschubst und geboxt und gerauft, man ist in pausenloser Bewegung, Video-Einspielungen und Pappfiguren beleben die Szene und überdecken, überspielen doch eher den Grundkonflikt, den Kern der Oper, als dass sie ihn aufdecken und fassbar machen. Offenbar aus Angst, sich wirklich auf diese Parabel einzulassen, wird mit viel Aktion darüber hinweggespielt. Einzig beim Auftritt der Mutter (Gabriela Maria Schmiede), die ihren toten Sohn beklagt, führt das doch allzu vordergründige Spielen zu beklommener Betroffenheit. Dazu kommt, dass in den eigentlichen Musikstücken die Textverständlichkeit sehr eingeschränkt ist und ohne die Sprechrolle des Kommentators (Markus John) die Handlung kaum nachzuvollziehen wäre. Dies gilt trotz des sehr guten Ensembles insgesamt mit Kor-Jan Dusseljee und seinem strahlkräftigen Heldentenor in der Titelrolle sowie dem profunden Bass von Jens Larsen als Totenrichter. Geschuldet ist dies der bisweilen doch sehr machtvoll und pathetisch aufschwingenden Musik von Paul Dessau, der allerdings etwa die Einführung von Lukull "mit Pauken und Trompeten" als Parodie auf den "großen Prahlhans" verstanden wissen will. Eberhard Kloke am Dirigentenpult führte das zur Hälfte aus Schlagzeugern bestehende und ohne hohe Streicher gebildete Orchester zu differenziertem, engagiertem und präzisem Spiel. Kräftiger, nicht allzu langer Beifall nach der knapp zweistündigen, pausenlosen Aufführung. Ob mit dieser "Ausgrabung" zum 60. Geburtstag der Komischen Oper eine Renaissance des Lukullus verbunden sein wird?



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