Anna vs. Cecilia

Die Auftritte zweier Diven an der DOB und in der Philharmonie
14. November 2007
Deutsche Oper Berlin

Programm

Giuseppe Verdi
La Traviata



Lesen Sie auch unsere ausführliche La Traviata-Kritik

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Renato Palumbo
Inszenierung: Götz Friedrich
Violetta Valéry: Anna Netrebko
Alfredo Germont: Piotr Beczala
Giogio Germont: Stefano Antonucci

Orchester der Deutschen Oper Berlin
17. November 2007
Philharmonie

Programm

Ouvertüren, Zwischenspiele, Arien und Lieder von
Manuel del Populo Vicente García, Giuseppe Persiani, Felix Mendelssohn Bartholdy, Gioacchino Rossini, Gaetano Donizetti, Michael William Balfe, Johann Nepomuk Hummel, Charles-Auguste de Bériot, Vincenzo Bellini

Mitwirkende

Mezzosopran: Cecilia Bartoli
Konzertmeisterin: Ada Pesch
Orchestra La Scintilla an der Oper Zürich

Leserbrief/readers comment Druckversion/printversion

Anna vs. Cecilia

Die Auftritte zweier Diven an der DOB und in der Philharmonie

Von Heiko Schon / Foto (Netrebko): KASSKARA/Deutsche Grammophon

Nein, das ist natürlich ein Scherz. Es gibt keinen Vergleich wie in der Yellowpress, nicht den "Schlagabtausch der Diven". Es geht nicht um den lukrativsten Werbevertrag, auch nicht darum, wer derzeit mit seiner neuen CD auf Platz 1 der Klassik-Charts steht, sondern lediglich um Ihr Interesse für diese Zeilen, die über den Berlin-Aufenthalt beider Damen berichten. Glücklich konnten sich diejenigen schätzen, die sich ein rotes Kreuz für den Start der Kartenvorverkäufe in den Kalender malten, um nicht leer auszugehen. Im Falle von La Traviata hatte dies freilich wenig genutzt, waren die Tickets quasi schon vorher weg. Kein Wunder: Vorletzten Sommer hätte man in Salzburg 32 statt der acht Aufführungen vor ausverkauftem Hause spielen können. Was bleibt da den Berlinern bei drei Vorstellungen? Kämpfen! Einige Abonnenten schrieben bitterböse Protestbriefe an die DOB und bekamen - oh welch Wunder - dann doch noch eine Karte. Oder man wurde für einen üppigen Aufschlag bei eBay oder einer Reiseagentur fündig. Folglich schoben sich mehrheitlich die Reichen und Schönen an den traurigen Gesichtern mit dem "Suche Karte"-Schild vorbei, um endlich zum gesellschaftlichen Muss-Ereignis zu gelangen: einer Audienz bei Opern-Pop-Prinzessin Anna Netrebko.

Anna Netrebko

Diese liegt zum Schluss am Boden wie eine zerstörte Olympia: Der Automat hat ausgesungen; die mechanische Puppe ruht danieder. Viele Hoffmänner sitzen in den Reihen, die, rosarot bebrillt, zur Rampe starren und nun traurig sind. Das übrige Publikum, Gäste Spalanzanis, löst böige Begeisterungsstürme aus. Dazu gehört auch die Sitznachbarin, die nach dem E strano! ihrer Begleitung zugeflüstert hatte, sie hätte Gänsehaut. E strano! - Es ist seltsam! Ja, seltsam ist es wirklich, denn Netrebko singt und spielt, spielt und singt, gibt genau die Posen, die Koloraturen, die Triller, welche die Partie benötigt, ohne aufs Mittelmaß abzufallen, ohne jeden Makel. Aber es bleibt eben ein Spiel. Mit der Rolle, mit der Stimme. Netrebko führt sich selbst wie ein Schmuckstück vor, ein teuer bezahlter Luxusartikel, der - bitte schön - auch nach halben Akten vor dem roten Vorhang bewundert, beklatscht, bejubelt werden darf. Eine solche Zurschaustellung mag sich bei einem Charakter wie der Manon (Staatsoper) wunderbar ineinander spiegeln, für das Drama der Kameliendame ist es entschieden zu wenig. Tenor wie Bariton geben sich mit ihrer Funktion als schmückendes Beiwerk zufrieden und Renato Palumbo ist mit seinen zähen Tempi mehr ausführendes Organ Netrebkos denn musikalischer Leiter von Format. Setzte Willy Decker in Salzburg das Skalpell an, um unter der schönen Schale Violettas die blutige Wahrheit ans Licht zu bringen, darf Netrebko in Berlin ein hübscher, blutleerer Garderobenständer sein: Kostüme und Frisuren sind wichtig; die Personenführung beschränkt sich auf die professionelle Fertigkeit der Sängerin.

Cecilia Bartoli

Der Auftritt Cecilia Bartolis - als "Abokonzert" angekündigt - gerät zum rauschenden Fest. In funkelnder Ballrobe schreitet Bartoli dem Podest, ach quatsch, ihrem Thron entgegen, der Hof zollt "Aaahs" und "Ooohs" und noch bevor der erste Ton zu hören ist, verwandelt sich das Grau dieser Novembertage in das glühendste Rot überhaupt. Bartoli erinnert mit ihrem neuen Projekt nicht nur an Maria Malibran (deren 200. Geburtstag vor der Tür steht), sondern auch an den eigenen Durchbruch ihrer Karriere - dem Belcantogesang. Nach den letzten Stationen mit Vivaldi, Salieri und Scarlatti heißen die Komponisten jetzt also Donizetti, Bellini und - natürlich - Rossini. Die Rosina hat Bartoli nicht im Arien-Gepäck, dafür ihre stupende Cenerentola. Den früheren Prinzesschenschuhen ist Bartoli schon lange entwachsen, nun gebietet sie als römische Sonnenkönigin mit strahlenden Fiorituren und hinreißenden Pianotönen über das Land der vergessenen Romantik. Das Orchestra La Scintilla unter der coolen Konzertmeisterin Ada Pesch ist Bartoli ein kongenialer Partner, da sich auch dieser Klangkörper daran begeistert, aus Alter Musik Funken zu schlagen. Und so hören wir entstaubten Enthusiasmus, schimmernde Soli (Klarinette: Robert Pickup / Harfe: Margret Köll), Vor- und Zwischenspiele, die Lust auf mehr machen. Bartoli genießt ihren Auftritt, das Bad in der Menge, und so wird dieser Abend ein wahrhafter Triumphzug. Sie serviert mit ihrem typischen An- und Abschwellen der Töne, den gurgelnden Rollern eine ganz eigene Nachtwandlerin, ist mal verträumte Desdemona-Unschuld, mal angriffslustige Semiramis-Heroine. Den Vogel schießt sie allerdings mit einer Tiroler Jodelnummer von Johann Nepomuk Hummel ab. Mit Flamenco als Zugabe schickt Bartoli die Berliner in den kühlen Herbst zurück. Komisch, so kalt ist es gar nicht mehr...



©www.klassik-in-berlin.de