11. November 2007
Staatsoper

Aimez-vous Brahms?

Magelone-Romanzen im zweiten Konzert des Barenboim-Zyklus

Programm

Johannes Brahms
Die schöne Magelone op. 33
15 Romanzen aus der Erzählung "Die wundersame Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter aus der Provence" von Ludwig Tieck

Mitwirkende

Thomas Quasthoff - Bass-Bariton
Daniel Barenboim - Klavier

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Aimez-vous Brahms?

Magelone-Romanzen im zweiten Konzert des Barenboim-Zyklus

Von Leyla Jasper

Man möchte Goethe zitieren: "Die unbegreiflich hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag". So frisch, vital und mit so viel jugendlichem Elan trug Thomas Quasthoff den einzigen Liederzyklus von Brahms vor. Man hatte den Eindruck, er habe sich schon vor vielen Jahren intensiv damit auseinandergesetzt, denn mit Herz und Verstand ging der Künstler wohl schon bei seiner ersten Begegnung mit dem Werk an die Arbeit, erforschte mit Leidenschaft das Chef-d'œuvre des deutschen Liedgutes, ergründete den Charakter und entwickelte die künstlerische Gestaltung jedes einzelnen Liedes. Das Ergebnis war eine sehr ausgereifte, schon in vielen Auftritten geprüfte, aber keinesfalls routinierte Darbietung. Die Sicherheit des Interpreten führte ausschließlich zu einer ungezwungenen und kreativen Gestaltung der Lieder.

Daniel Barenboim / Thomas Quasthoff

Die Liebesgeschichte des Peter aus der Provence und der schönen Magelone ist alt und typisch für Märchen aller Zeiten. Zwei junge Menschen verlieben sich, werden durch Schicksalsschläge voneinander getrennt, erleiden viel, werden jedoch wieder zueinander geführt und erleben schließlich ein Happyend. Quasthoffs Peter ist jung, temperamentvoll und vielleicht etwas naiv, was dem Geiste des Märchens und dem Alter des Helden entspricht; Ein junger Mann, der immer bereit ist, sich vom mächtigem Strom seiner Gefühle treiben zu lassen, dem sein Pferd und Schwert, aber auch seine Laute im gleichen Maße teuer sind, der sowohl Ritter als auch Dichter ist. Kaum hört Peter den Rat eines Sängers, in die Fremde zu gehen, um die Welt zu erkunden (Keinen hat es noch gereut), schon ist er Feuer und Flamme und besteigt tatsächlich das Pferd (Traun! Bogen und Pfeil sind gut für den Feind). Jedoch kann er der Schönheit der Prinzessin Magelone nicht widerstehen - er verliebt sich auf der Stelle und wird zum Dichter (Sind es Schmerzen, sind es Freuden). Von nun an ist das Schicksal Peters bis ans Lebensende nur von der Liebe bestimmt. Ob es nun eine Liebeserklärung per Brief ist (Liebe kam aus fernen Landen) oder die Verzweiflung des Verliebten, der sich in einem Kahn auf dem stürmenden Meer verirrt (So tönet denn, schäumende Wellen) - diese ganze Palette seiner Gefühle wurde vom Thomas Quasthoff intensiv, plastisch, stimmungs- und farbenreich wiedergegeben.

Zu den unbestreitbaren Stärken des Pianisten Daniel Barenboim gehört sein unglaublich weicher Anschlag, als ob es des anfänglichen Hammerschlages auf die Saite des Flügels gar nicht gäbe und die zauberhaften Saitenschwingungen direkt aus der Luft entstehen würden. Auch sei die hohe Kunst zu loben, mit der Barenboim genau die Stärke des Klanges auszumessen weiß. Wenn eine Phrase bei Barenboim immer leiser erklingen soll, so übernimmt jeder nachfolgende Ton genau auf dem Niveau des inzwischen teilweise abgeklungenen vorangegangenen Tones. Darin besteht die Kunst, die Nachteile des Klaviers als eines stufenweise aufgebauten Hammerinstrumentes in einen Vorteil zu verwandeln, nämlich den Klang aufzubauen und damit die Illusion einer Kontinuität des Klanges zu verschaffen. Diese Kunst befähigte den Pianisten Barenboim, die Klavierbegleitung tonmalerisch und abwechslungsreich zu gestalten. Abgesehen vom Zwischenspiel im Wiegelied Ruhe, Süßliebchen, wo der Pianist nach den Worten Ewig bin ich dein oder Ich will dein Wächter sein etwas zu laut mit seinen wiegenden Triolen einsetzte (Brahms' Hinweis: dolce), überdeckte der Flügel sonst nie den Gesang. Da aber der Klavierpart Brahms' immer vielschichtig und anspruchsvoll geschrieben ist und Barenboim sich stets viel Mühe gab, dem Sänger einen nicht überladenen, sondern klanglich gut ausbalancierten Hintergrund zu bieten, kamen manche Töne leider gar nicht zur Geltung. Aus demselben Grunde hatte der Pianist während des Vortrages mit manch technischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Wenn auch um Klassen besser als ein selbstbewusst vor sich hin polterndes Akkompagnement manch anderer Pianisten, spielte er in diesem Konzert doch unter seinem Niveau.



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