4. Juni 2008
Philharmonie

Kissins Mozart

Jewgenij Kissin und Kremerata Baltica in der Berliner Philharmonie

Programm

Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 20 d-Moll KV 466
Benjamin Britten
Variationen über ein Thema von Frank Bridge op. 10
Sergej Prokofjeff
Sinfonie Nr. 1 D-Dur op. 25 "Symphonie classique"
Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 27 B-Dur KV 595

Mitwirkende

Kremerata Baltica
Jewgenij Kissin - Klavier

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Kissins Mozart

Jewgenij Kissin und Kremerata Baltica in der Berliner Philharmonie

Von Leyla Jasper

Wird das Konzert mit Kissin in der Philharmonie stattfinden oder nicht? Werden bis dahin die Schäden von dem Brand beseitigt sein? Diese Fragen beunruhigten das Publikum, das den weltberühmten Pianisten in Berlin live erleben wollte. Die Konzertdirektion Hans Adler, die das Konzert veranstaltete, hatte sich sogar beim Publikum bedankt "für die vielen netten Anrufe, Briefe und Mails".

Zum Glück lief alles wie geplant. Der große Saal der Philharmonie öffnete sich im Juni wieder, das Konzert wurde sehr gut besucht. Dies wundert jedoch nicht, da nur wenige Stars am musikalischen Firmament so groß sind, wie der Pianist Jewgenij Kissin. Sehr viele Russen kamen, um ihren berühmten Landsmann zu ehren, darunter viele Musiker, aber auch Menschen, die beruflich nichts mit der Musik zu tun haben. Die Erwartungen waren sehr hoch. Viele sind fest davon überzeugt, Kissin sei ein Genie. Mit ihm in einer Zeit zu leben und ihn nicht zu erleben, halten die Landsleute des Pianisten beinahe für eine Sünde.

Endlich erschien er auf der Bühne, dieser hoch gewachsene Mann in schwarzem Frack. Äußerlich ähnelt Kissin sehr stark Alexander Blok, dem großen russischen Dichter des Symbolismus: dasselbe schwarze Kraushaar ums blasse Gesicht, dieselbe schlanke Statur. Wahrscheinlich auch dieselbe Reserviertheit nach außen hin, hinter der große Gefühle und Übersensibilität sorgsam vor der Außenwelt gehütet werden. Allein durch Kunst offenbaren solche Künstler ihre wahre Natur. Die Poesie ist übrigens nach der Musik die zweite große Leidenschaft Kissins. Wäre er kein Musiker geworden, so gäbe es wohl einen Poeten mehr auf dieser Welt. Aber auch in der Musik ist Kissin ein Dichter schlechthin. Seine Spiritualität am Klavier ist beispiellos. Seine Gefühle sind immer so intensiv, dass es einen Stein erweichen könnte.

Kissin spielte zwei Klavierkonzerte von Mozart, die das Programm umrahmten. Das Klavierkonzert Nr. 20 d-Moll KV 466 klang dabei sehr nach Beethoven: dramatisch-leidenschaftlich in der Grundstimmung, zum Kontrast immer wieder durchdringend-persönlich. Ganz anders interpretierte der Pianist das Klavierkonzert Nr. 27 B-Dur KV 595. Hier wurde alles wie aus dem Ärmel geschüttelt. Nicht mehr Donner und Blitze, sondern Zärtlichkeit, Wärme und Anmut verstreute die Musik, perlend und unbeschwert war der Klang. Die Vermenschlichung des Klaviers erreichte dabei das Unmögliche. Überhaupt könnte man denken, die beiden Mozartschen Konzerte wurden auf zwei verschiedenen Flügeln gespielt.

Mit viel emotionalem Engagement unterstützte Kremerata Baltica den Pianisten. Etwas überraschend war jedoch die Tatsache, dass das Orchester den ganzen Abend ohne Dirigenten spielte. Bei einem Klavierkonzert ist dies noch durchaus üblich. Jedoch auch die entzückenden Variationen über ein Thema von Frank Bridge op. 10 von Benjamin Britten und die Symphonie classique von Prokofjeff präsentierte Kremerata Baltica dem Publikum ebenfalls ohne Dirigenten. Zwar spielten die Musiker höchst professionell und wirkten wie ein gutes, um ein vielfaches vergrößertes Streichquartett, dessen Mitglieder stets aufeinander hörten. Trotzdem macht ein Orchester ohne Dirigenten auf der Bühne einen verwaisten Eindruck. Wenn die Streicher immer tadellos spielten, so waren die Bläser nicht immer auf der Höhe. So leiteten sie im 1. Satz des Klavierkonzertes d-Moll das zweite, als Kontrast zum ersten gedachte Thema immer wieder zu laut ein - kein zartes piano, wie es in den Noten steht, und kein wirklich durchlebter Wechsel in der Stimmung (von d-Moll zu F-Dur). Kissin als Dirigent drückte sich vor allem durch die Musik aus, und das machte er gut. Wann immer der Pianist und das Orchester zusammen spielten, überzeugte er mit seiner Willensstärke, mit der Fähigkeit, ein Orchester zu leiten. Wenn der Flügel jedoch schwieg, so war die Gestik des Pianisten etwas zu sparsam. Mann kann zwar nicht von jedem Solisten erwarten, dass er vor dem Orchester herumhüpft und dann sich rasch an den Flügel wirft, wie etwa Barenboim es in solchen Fällen tut. Doch etwas mehr Extrovertiertheit beim Dirigieren würde nichts schaden! Aber das ist sicherlich auch eine Übungssache.

Zum Schluss verwöhnte der Pianist die Besucher mit zwei charmanten Zugaben: dem Marsch aus Der Liebe zu den drei Orangen op. 33 und dem Präludium Nr. 7 aus Zehn Stücke op. 12 von Sergej Prokofjeff. Wie auch während des ganzen Abends, jubelte das Berliner Publikum, das danach - und es war ja auch schon spät - beglückt, erfrischt und dankbar die Philharmonie verließ.



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