3. Dezember 2008
Deutsche Oper Berlin

Die Ritter der Rampenrunde

Kirsten Harms inszeniert den Sängerkrieg an der DOB

Programm

Richard Wagner
Tannhäuser

Mitwirkende

Deutsche Oper Berlin
Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Inszenierung: Kirsten Harms
Spielleitung: Frauke Meyer
Bühne, Licht und Kostüme: Bernd Damovsky
Mitarbeit Kostüme: Inga Timm
Dramaturgie: Andreas K. W. Meyer
Choreographie: Silvana Schröder
Chöre: William Spaulding

Tannhäuser: Scott MacAllister
Venus/Elisabeth: Nadja Michael
Wolfram von Eschenbach: Markus Brück
Walther von der Vogelweide: Clemens Bieber
Biterolf: Lenus Carlson
Heinrich der Schreiber: Jörg Schörner
Reimar von Zweter: Jörn Schümann
Hirt: Heidi Stober
Tannhäuserdouble: Carsten Meyer

Chor, Extrachor und Orchester der Deutschen Oper Berlin

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Die Ritter der Rampenrunde

Kirsten Harms inszeniert den Sängerkrieg an der DOB

Von Heiko Schon / Foto: Andre Rival für Deutsche Oper Berlin

Was für ein Beginn! Die ersten, flauschigen Töne der Ouvertüre mäandern vorsichtig aus dem Graben, kringeln sich wie blonde Venuslocken in den Saal hinein, da hebt sich sogleich die Gaze und Tannhäuser schwebt vom Schnürboden hinunter, rein in das Bühnenbild. Trotz der silbrig schimmernden Rüstung gleitet er, der Ritter und Sänger, sachte durch den Raum, sinkt behutsam in die Tiefe. Ist Tannhäuser über Bord gegangen und steuert nun langsam auf den Grund des Meeres zu? Möglich. Dafür würden die blubbernden Seifenblasen und das bläuliche Geflitter sprechen. Aber nein. Er ist halt auch einfach nur Mann und Träumer zugleich und fällt da gerade, nun ja, in eine Männerfantasie. Dort hebt die Göttin der fleischlichen Gelüste ihren Busen hoch, aber auch den Arm, das Bein, den Po - eben alles, was üppig ist und prall und sich zu zeigen lohnt. Die technischen Möglichkeiten der DOB-Unterbühne machen da einiges möglich: Zack! - wirbeln die Gespielinnen ihre Gliedmaßen synchron durch die Lüfte, Wusch! - verschwinden alabasterfarbene Liebesmädchen in der Versenkung. Kirsten Harms bietet den weiblichen Reizen viel Raum für Entfaltung - ein Einstieg mit Pfiff. Doch im Anschluss daran - man spielt die Dresdner Fassung und streicht somit das Bacchanal - kommt die szenische Verführung abrupt zum Stillstand. Warum es zu viel für Tannhäuser wurde, erklärt sich daraus freilich nicht, aber um es mal vorweg zu nehmen: An der Stelle ist der Abend inszenatorisch sowieso gelaufen.

Tannhäuser

Springen wir also ein kurzes Stück nach vorn zum ersten Pilgerchor. Bernd Damovsky steckt diesen in ein Fegefeuer und lässt darüber ein paar Schaumstoffteufel kreisen. Doch die Regie sieht weder einen Auf- noch Abgang, geschweige denn überhaupt irgendeine Form von Fortbewegung vor. Es entsteht ein nahezu statisches Bild ohne tiefere Bedeutung. Der Einzug der Gäste (der im Grunde gar nicht stattfindet) und der zweite Pilgerchor folgen nach dem gleichen Schema: Podest rauf - Szene - Podest runter! Und auch was sich vor und zwischen den Plattformen abspielt, verstärkt den Eindruck, dass in den Proben mehr Hydraulikhebel betätigt als Sänger geführt wurden. Nicht ganz ernst zu nehmen ist es, wenn die Ritter wie große Jungs auf Pferdchen herein gezogen werden oder sich die Wartburggesellschaft beim Sängerfest die Beine in den Bauch steht. Allerdings kauft man es Kirsten Harms nicht als ironisches Zitat ab, weil sie dafür die Handlung viel zu verbissen erzählt. So wirken viele der Einfälle eben doch nur lächerlich. Im Programmheft stolpert man über Philosophisches und Tiefenpsychologisches - Kalenderweisheiten, die auf dem Weg zur Bühne irgendwo abhanden gekommen sind. Dafür steuert Bernd Damovsky nach hängenden Blumenkästen (Semiramide), hängenden Rehen und hängenden Kronleuchtern (beides Freischütz) nun hängende Rüstungen bei, die über ganze zwei Aufzüge im oberen Bühnendrittel baumeln. Wie sehr würde man sich wünschen, dass einer der Panzer laut scheppernd zu Boden krachen würde, damit überhaupt was da vorne passiert.

Selbst die sonst so mutig agierende Nadja Michael ist hier im vollkommen falschen Stück gefangen, da sie entweder unter ihren schauspielerischen Fähigkeiten bleiben muss oder das ignoriert, was stimmlich möglich ist. Als Bühnentier von der Regie allein gelassen, überzeugt Michael weder als lispelnde Venus noch als forcierende Elisabeth - ein klarer Fall von falschem Fach. Dabei hat Michael erst kürzlich im Münchner Macbeth bewiesen, dass ihr Sopran eher fürs Hochdramatische prädestiniert ist. Zudem: Eine Lady Macbeth muss man (im Gegensatz zum romantischen Wagner) auch nicht "schön" singen. Nachdem Scott MacAllister die Titelpartie zunächst an Torsten Kerl abgab, dieser dann aber aufgrund einer Erkrankung die zweite Vorstellung nicht singen konnte, war der alte Tannhäuser zugleich auch der neue. Abgesehen von einem leichten Akzent und einer merkwürdig schlank gehaltenen Romerzählung meisterte MacAllister alle Klippen der Partie. Seine Stimme verfügt über ein angenehm leuchtendes Timbre und sitzt sicher auf dem Atem - ein kerniger, deutlicher Tenor. Im Ensemble ragt ein Wolfram von hohen Gnaden heraus: Markus Brück. Sein O du, mein holder Abendstern lässt dem Zuhörer das Herz zerspringen, so innig und uneitel singt Brück dieses Lied und liefert insgesamt die geschlossenste Leistung des Abends ab. Das ist auch einer der wenigen Momente, in denen man Verständnis für Ulf Schirmers langgestreckte Wiedergabe aufbringt. Sonst kocht der Dirigent ein ziemlich kraftloses Süppchen und kann sich mit dem Einspringer MacAllister auf keine gemeinsame Wahl der Tempi einigen. Der sämige Klang des Orchesters passt wie maßgeschneidert zu dieser unbeweglichen Produktion. Verschenkt.

(Leider stellt uns die Deutsche Oper Berlin für diese Produktion keine Inszenierungsfotos zur Verfügung)



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