13. November 2010
Philharmonie

Mit Pauken und Trompeten

Marek Janowski erweckt den Fliegenden Holländer konzertant zum Leben

Programm

Richard Wagner
Der fliegende Holländer

Mitwirkende

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Rundfunkchor Berlin
Musikalische Leitung: Marek Janowski
Choreinstudierung: Eberhard Friedrich

Daland: Matti Salminen
Senta: Ricarda Merbeth
Erik: Robert Dean Smith
Mary: Silvia Hablowetz
Steuermann: Steve Davislim
Holländer: Albert Dohmen

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Mit Pauken und Trompeten

Marek Janowski erweckt den Fliegenden Holländer konzertant zum Leben

Von Heiko Schon / Foto: Felix Broede


Marek Janowski
Foto: Felix Broede

Sieht sich ein Bücherwurm die Verfilmung seines Lieblingsromans an, dann verlässt er das Kino im Regelfall tief enttäuscht. Mit der eigenen Fantasie kann eben kein Regisseur der Welt Schritt halten. Ja gut, es gibt Ausnahmen, aber das soll jetzt nicht das Thema sein. Vielmehr wurde dieser Einstieg als Vergleich zum Musiktheater gewählt, besser gesagt, der Rückzug aus genau dieser Sparte. Denn einer der Gründe, weshalb Marek Janowski die Flucht aus den Gräben der Opernhäuser antrat, lag in der zunehmenden Enttäuschung darüber, wie die Werke szenisch umgesetzt wurden. Nun tauchen in den Programmen des Rundfunk-Sinfonieorchesters immer wieder Stücke auf, die eigentlich auf eine Theaterbühne gehören. Ganz verzichten will Janowski auf die Oper also nicht. Er nutzt das RSB-Projekt Wagnerzyklus um "die hohe musikalische Qualität der Wagnerschen Kompositionen ohne jegliche szenische Deutung, allein auf die Musik konzentriert, dem Publikum zu vermitteln". Nach diesem wahrhaft "fliegenden" Holländer ist festzustellen: Janowski hat für die erste Etappe sein Ziel erreicht. Das und sogar noch mehr. Man kann gewissermaßen von Planübererfüllung sprechen

Die Ouvertüre ist im Grunde nichts anderes als das komplette Stück im Zeitraffer. Ein schwerer Sturm, der Holländer-Monolog und der Matrosenchor, ja sogar die Senta-Ballade stecken bereits in diesem Vorspiel. Hier ziehen genau jene Minuten vorüber, in denen die Wagnersche Leitmotiv-Technik seine Geburt erlebte. Janowski entfesselt die suggestive Kraft dieser Musik, dirigiert in tollkühner Geschwindigkeit, serviert eisige Farben und tosende Gewalten - und trifft damit des Pudels Kern. Seine Interpretation macht das Unmögliche möglich: Vor dem geistigen Auge spielt sich die Spukgeschichte tatsächlich ab. Das Rundfunk-Sinfonieorchester spielt harmonisch ausgewogen, scharfsinnig bis spannungsgeladen, ohne den geringsten technischen Makel. Was muss hier für intensive Probenarbeit geleistet worden sein? Jetzt kann Janowski die Ernte einfahren: Sorry Philharmoniker, aber bei euch habe ich solch einen Wagner seit langer, langer Zeit nicht mehr gehört.

Bei der Besetzung ragen ein offenbar in den Jungbrunnen gefallener Matti Salminen, eine auf Samtpfoten schleichende Silvia Hablowetz und ein einfach nur entzückender Steve Davislim heraus. Letzterer bringt genau jenen tenoralen Schmelz zu Gehör, welchen Robert Dean Smith durch seine vielen Tristane wohl mittlerweile eingebüsst hat. Albert Dohmen hat eine voluminöse Stimme, aber auch ein knorrig-knurrendes Timbre, was nicht jedermanns Geschmack ist. Ricarda Merbeth überzeugt vor allem in den lyrischen Passagen (wozu das in anmutiger Schönheit vorgetragene Johohoe! zählt). In der Einstudierung von Eberhard Friedrich liefert der Rundfunkchor Berlin magische Momente voller Wucht. Was für ein Start!



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