16. Dezember 2011
Staatsoper im Schiller-Theater

Operette sich wer kann

Jacques Offenbach wehrt sich gegen den Versuch eines Liftings an der Staatsoper

Programm

Jacques Offenbach
Orpheus in der Unterwelt

Mitwirkende

Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Julien Salemkour
Inszenierung: Philipp Stölzl
Co-Regie / Choreographie: Mara Kurotschka
Musikalische Bearbeitung: Christoph Israel, Ingo Ludwig Frenzel, Bernd Werfelmeyer
Bühnenbild: Conrad Moritz Reinhardt, Philipp Stölzl
Kostüme: Ursula Kudrna
Chor: Frank Flade
Textfassung: Thomas Pigor
Dramaturgie: Jens Schroth

Eurydice: Evelin Novak
Öffentliche Meinung: Cornelius Obonya
Orpheus: Stefan Kurt
Aristeus-Pluto: Ben Becker
Jupiter: Gustav Peter Wöhler
Styx: Hans-Michael Rehberg
Juno: Irene Rindje
Diana: Hanaa Oertel
Amor: Anne Halzl
Venus: Claudia Tuch
Tänzerinnen: Sadhana Fichtner, Suleika Fichtner, Susanne Neff, Silke Vente Yubi, Jadi Carboni, Elisa Marschall

Staatskapelle Berlin, Staatsopernchor

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Operette sich wer kann

Jacques Offenbach wehrt sich gegen den Versuch eines Liftings an der Staatsoper

Von Heiko Schon / Fotos: Matthias Baus


Orpheus in der Unterwelt - Staatsoper Berlin
Foto: Matthias Baus

Quizfrage: Wann gab's hier zuletzt eine neu inszenierte Offenbachiade zu sehen? Letzte Spielzeit? Ja, kann man gelten lassen. Über seine Berlin-Statistik in puncto Aufführungen kann sich Jacques Offenbach jedenfalls nicht beklagen. Aber - nächste Quizfrage: Wann gab's hier zuletzt eine gut inszenierte Offenbachiade zu sehen? Ja, da wird's schon schwerer, was? La Péricole an der Komischen Oper? Oder die vom Berliner Ensemble? Der Orpheus in der Unterwelt in der altmeisterlichen Regie von Harry Kupfer? Na wohl kaum. Die Antwort lautet: vor neun Jahren. Damals präsentierte das Deutsche Theater eine Großherzogin von Gerolstein mit Dagmar Manzel an der Spitze. Und die war das Eintrittsgeld wirklich wert. Ist lange her. Trotzdem freut man sich auf ein Wochenende mit Jacques Offenbach und stürzt sich im Radialsystem mitten ins Pariser Leben. Doch schon nach fünf Minuten möchte man am liebsten aufstehen und aus Christoph Marthalers letzter Offenbachiade zitieren: "Ist ein Regisseur im Publikum?" Dass dieser Abend weder Gag noch gaga ist, dass die Charaktere vorwiegend mit Kofferschleppen und Treppensteigen beschäftigt sind, dass der Inszenierung jegliches Gespür für Timing fehlt: Man könnte es verschmerzen. Könnte. Aber es stellt sich dummerweise die Frage nach dem Sinn des Ganzen.


Orpheus in der Unterwelt - Staatsoper Berlin
Foto: Matthias Baus

Das Gleiche in Grün passiert einen Tag später im Schiller-Theater bei Orpheus in der Unterwelt. Da tritt die Öffentliche Meinung als cholerischer Kugelblitz an die Rampe, um mal so richtig Dampf abzulassen: Was ist nur aus Garderobe und ehelichen Pflichten des anwesenden Publikums geworden? Was aus Werten wie Anstand? Oder Treue? Schade, dass sich Cornelius Obonya nicht umdreht, um die übrig gebliebenen Musiker der Staatskapelle zu befragen, was eigentlich aus der Werktreue geworden ist. Nein, stattdessen wird er von der Regie lieber schnell wieder auf Standby gestellt. Am meisten ärgert man sich aber an diesem Abend über diesen Schrammel- und Dudelsound im Hintergrund. Christoph Israel schert sich wenig um die Tatsache, dass die Partitur der Katalysator der Offenbach'schen Ironie ist, und schafft Arrangements für eine zwölfköpfige Band. Offenbach liegt also im untermalenden Musikbett. Der Kurzbesuch von Richard Wagner und seinen Blumenmädchen ändert daran genauso wenig, wie das auf Kurt Weill hinweisende Banjo.


Orpheus in der Unterwelt - Staatsoper Berlin
Foto: Matthias Baus

Bei der Inszenierung von Philipp Stölzl wird man das Gefühl nicht los, dass einige Akteure permanent überlegen, ob sie gerade wirklich all diese peinlichen Faxen veranstalten. Stefan Kurt etwa, der als Orpheus bestrumpfte Füße busseln muss. Oder Ben Becker, der den Pluto in einer Mischung aus Reibeisen, Mephisto und Knallcharge serviert. Die Chordamen und Tänzerinnen sind mit völlig vergeigten Nummern (Höllen-Cancan) und primitivster Choreographie gestraft. Der Rest reißt sich zusammen. Gustav Peter Wöhler kann als Jupiter ein, zwei Lacher bringen, Irene Rindje geht als Ministerin Juno völlig in Ordnung, ebenso die einzige Sängerin der Produktion, die natürlich agierende, stimmlich souveräne Evelin Novak. Doch es gibt sogar jemanden, der den Abend für fünf Minuten zum Leuchten bringt: Hans-Michael Rehberg ist ein so überaus melancholischer, regelrecht ans Herz fassender Styx. Diesem Auftritt kann selbst Thomas Pigor mit seiner überflüssigen Textfassung nichts anhaben.

Es gibt viele Regisseure, die in den Sparten Sprechtheater, Musical, Oper oder Film kontinuierlich gute Arbeiten abliefern, sich aber bei der Operette eine blutige Nase holen. Und - letzte Quizfrage - warum ist das so? Wahrscheinlich, weil sie nicht akzeptieren können, dass dieses Genre seine Falten hat, eben einfach aus der Mode gekommen ist. Stölzl meint, Veränderung sei angebracht, wenn jüngere Generationen den Weg zur Operette finden sollen. Ich denke, das Biest ist stur und wehrt sich gegen jede Form von Veränderung. Dann lieber aufs Revival warten. Es soll ja eine Jugend geben, die auf Retro steht. Wie dem auch sei: Nimmt man Stölzl nun beim Wort, muss das Urteil nach diesem Abend lauten: Thema verfehlt! Sechs! Setzen!



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